Mit dem Gewehr im Seminar: Zur Genealogie der militarisierten Universität
An der Universität Tel Aviv: Eine Gruppe uniformierter Soldatinnen sitzt auf dem Rasen vor dem Gebäude „Gilman“ der Geisteswissenschaftlichen Fakultät. Am Eingang der Mathematischen Fakultät der Hebräischen Universität stehen bewaffnete Soldaten und tuscheln. Im großen Hörsaal der Universität Haifa versammeln sich mehrere hundert Jugendliche und hören konzentriert dem Vortrag des Generalmajors R. über die verschiedenen Programme zur Vereinbarkeit von Bildung und Wehrdienst („Atuda“[1]) zu. Diese Programme werden anschließend von der Bühne herab von Vertretern der Universitäten gelobt. Auf dem Campus des Technions, wo eine Jobbörse stattfindet, unterhalten sich zwei Student*innen der Luftfahrttechnik mit Vertreter*innen des Rüstungskonzerns Elbit Systems. An der Ben-Gurion-Universität werden gerade einige Studenten*innen von Vertretern des Mossad (Auslandsgeheimdienst) angeworben. Nur einige Schritte entfernt bildet sich eine Traube um den Stand des Schin Bet (Inlandsgeheimdienst). Die Student*innen stopfen sich die Schokolode, die in durchsichtigen Plastikgefäßen ausliegt, in ihre Hosentaschen. In den Laboren der Hebräischen Universität beugen sich Chemiker*innen über elektronische Mikroskope und betrachten die Struktur und Dicke der Schichten, die sich in ihren Objektiven zeigen. Sie nehmen Untersuchungen vor für das Unternehmen Rafael – Fortschrittliche Waffensysteme GmbH.
Das sind nur Schnipsel eines viel größeren Bildes, dessen Realität wir gewahr werden, sobald wir uns das israelische Universitätswesen einmal genauer ansehen: Vom Unterricht zur Forschung und vom Diskurs zum Gedanken ist alles in die Militarisierung Israels eingespannt. Im Folgenden werde ich die Hauptfunde eines aus aktivistischen Motiven hervorgegangen Forschungsberichts wiedergeben, den wir letztes Jahr mit der feministischen Gruppe New Profile veröffentlicht haben. Dieser Bericht heißt „Universitäten zu Befehl: Militarismus im israelischen Universitätswesen“ und analysiert die andauernde und vielverzweigte Kooperation zwischen israelischen Einrichtungen der höheren Bildung und dem Sicherheitsapparat sowie der Rüstungsindustrie. Ich werde zeigen, wie jene Einrichtungen und das akademische Leben von dieser Kooperation geprägt und zu einem Bestandteil der institutionalisierten Gewaltmaschinerie gemacht werden; dabei habe ich einige Belege der letzten zwei Jahre aufgenommen, die in dem Bericht nicht enthalten sind. Gegen Ende des Artikels halte ich dem israelischen Universitätswesen sein palästinensisches Spiegelbild vor und berühre kurz die Frage des akademischen Boykotts. Den Schluss bilden sodann einige Reflexionen über Möglichkeiten des inneruniversitären und außeruniversitären Widerstands gegen jene Prozesse, sowohl in Israel/Palästina als auch im Ausland.
Im Jahr 2023 gab es an akademischen Institutionen in Israel mindestens 54 vorbereitende Programme zur Ausbildung von Soldat*innen. Das Verteidigungsministerium teilte auf Anfrage hin mit, dass die Kooperation mit der Armee den akademischen Institutionen in Israel zwischen 2019 und 2022 ungefähr 270 Millionen Schekel eingebracht hat.
Im Falle Israels bezieht sich der Begriff „Sicherheitsapparat“ auf eine Vielzahl verschiedener Institutionen und Unternehmen, die voneinander abhängig sind und sich gegenseitig mit Wissen, materiellen Ressourcen und Personal versorgen. Offiziell handelt es sich hierbei um die Armee, die Polizei und die Geheimdienste (Schin Bet und Mossad). Im weiteren Verständnis sind jedoch noch das Verteidigungsministerium sowie die staatliche und private Rüstungsindustrie hinzuzuzählen. Die israelischen Hochschulen und Universitäten haben vielerlei Verbindungen zu diesen Unternehmen und Institutionen.
Die akademische Arbeit lässt sich grundlegend in zwei Hauptbereiche unterteilen: Lehre und Forschung. Während der letzten zehn Jahre hat der Historiker Elad Ne´emani zwei Artikel veröffentlicht, in denen er der Frage nachgeht, wo die Militarisierung der Lehre ihren Anfang genommen hat. Er beschreibt, wie das israelische Militär schon kurz nach der Gründung des Staates das staatliche Bildungssystem (vom Kindergarten bis zur Universität) als strategische Einflusssphäre ausgemacht hat. Die Bürger sollten beeinflusst und die Ressourcen des Bildungssystems für die materiellen und politischen Ziele des Militärs nutzbar gemacht werden. Zu diesem Vorgehen hatte man sich aus verschiedenen Gründen entschieden: Zum einen dachte man, dass die eigene Involvierung in das Bildungssystem die damals hohen Ausgaben des Staates für die Armee rechtfertigen könnte; zum anderen wollte man die gesellschaftliche Zustimmung zur Wehrpflicht sowie die Bereitwilligkeit zum militärischen Dienst insgesamt sicherstellen. Zudem ging man davon aus, dass man so den hochgebildeten, wohlhabenden und einflussreichen Bevölkerungsteil nutzbringend in das Militär einbinden können würde.
Die Einmischung des Militärs in die Lehre begann 1951, als David Ben-Gurion anordnete, an der Hebräischen Universität in Jerusalem und dem Technion in Haifa die ersten beiden Atuda-Programme einzurichten. Anfangs stieß dieses Vorhaben auf leichten Widerstand seitens der akademischen Institutionen. Mit den Jahren verflog dieser jedoch vollständig. Im Jahr 2023 gab es an akademischen Institutionen in Israel mindestens 54 vorbereitende Programme zur Ausbildung von Soldat*innen. Das Verteidigungsministerium teilte auf Anfrage hin mit, dass die Kooperation mit der Armee den akademischen Institutionen in Israel zwischen 2019 und 2022 ungefähr 270 Millionen Schekel eingebracht hat.
Es kommt auch vor, dass Waffenhersteller ihre Forschungs- und Entwicklungszentren direkt neben Hochschulen und Universitäten platzieren, um so die Verbindungen zwischen diesen, der Armee und der Industrie weiter zu festigen.
Die genannten Vorbereitungsprogramme sind vielfältig und werden von verschiedenen Institutionen durchgeführt. Zum Beispiel gibt es an der Hebräischen Universität seit 1979 das Programm Talpiot, dessen Ziel es ist, Forscher für eine Arbeit beim Verteidigungsministerium oder der Armee vorzubereiten. Dieses Programm steht unter der Leitung der Luftwaffe und der Verwaltung für Forschung und Entwicklung von Waffen und technologischer Infrastruktur im Verteidigungsministerium. Das an der Universität Tel Aviv, der Ben-Gurion-Universität und dem Technion angesiedelte Programm Psagot, das ebenfalls Entwickler von Waffentechnik heranzieht, wird vom Militär als „Exzellenzprogramm“ beworben (man bedient sich solcher Superlative zur Beschreibung der meisten dieser Programme). Das ähnlich ausgerichtete Programm Odem wurde vor etwa drei Jahren gestartet und rekrutiert Jugendliche im Alter von nur 14 oder 15 Jahren für zwölfjährige Dienste. Es wird gemeinsam ausgerichtet vom Technion, dem Verteidigungsministerium, dem Mossad, Schin Bet, Rafael – Fortschrittliche Waffensysteme sowie noch weiteren Unternehmen, die in der Rüstungsindustrie tätig sind.
In der Regel werden Jugendliche im Alter von 16 Jahren in diese Programme aufgenommen, das heißt in dem Alter, in dem Jugendliche auch für andere Formen des Wehrdienstes eingezogen werden. Mit ihrer Aufnahme unterzeichnen sie einen drakonischen Vertrag, der sie bis weit in ihre Zwanziger hinein an das Militärsystem bindet. Auswege gibt es so gut wie keine. Sekundarschulen und akademische Institutionen beteiligen sich tatkräftig an der Rekrutierung der Jugendlichen für diese Programme. Sie hosten zum Beispiel Infoveranstaltungen für Interessierte oder andere besondere Events zur Bewerbung der vielen „Eliteprogramme“. Zudem veröffentlichen sie entsprechende Texte auf ihren Internetseiten oder über ihre Kanäle in den sozialen Netzwerken.
In vielen Fällen passen der Rat für Hochschulbildung und die akademischen Institutionen die Lehrpläne und Zugangsvoraussetzungen den Bedürfnissen der Armee an. In der Ausschreibung zur Teilnahme am Programm Erez, dessen Ziel die Heranbildung von Kommandanten für Kampftruppen ist und seit 2024 an der Universität Tel Aviv läuft, fordert das Verteidigungsministerium, dass ein Fünftel der für einen Abschluss zu erbringenden Leistungspunkte einem Soldaten in Ausbildung, noch bevor er überhaupt einen Fuß auf den Campus gesetzt hat, zuerkannt werden sollte. Mitunter nehmen die Forderungen, die die Armee an die mit ihr kooperierenden akademischen Institutionen stellt, absurde Züge an. In derselben Ausschreibung werden zum Beispiel die Forderungen formuliert, dass Soldat*innen „Vorrang und Sonderkonditionen bei der Bücherausleihe zu gewähren sind“ und dass Dozent*innen, den Bedürfnissen des Militärs entsprechend, an Militärbasen unterrichten und in ihren Stunden „beleidigende Aussagen“ über die Soldat*innen, den Dienst oder ihre Uniformen vermeiden.
Auch im Bereich der Forschung besteht eine breite Kooperationstätigkeit. Viele akademische Einrichtungen kooperieren in ihrer Forschung mit dem Verteidigungsministerium und der Rüstungsindustrie oder führen sie im Auftrag von ihnen durch. Es kommt auch vor, dass Waffenhersteller ihre Forschungs- und Entwicklungszentren direkt neben Hochschulen und Universitäten platzieren, um so die Verbindungen zwischen diesen, der Armee und der Industrie weiter zu festigen. In einer Mitteilung, die die Ben-Gurion-Universität 2019 anlässlich der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags mit dem Waffenhersteller Rafael auf ihrer Homepage veröffentlicht hat, teilt die Vertreterin der Universität mit, dass „man einer engen Zusammenarbeit mit Rafael entgegensieht, einem der führenden Unternehmen in der Herstellung fortschrittlicher Waffensysteme“. Ein Team aus der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Unternehmens, fügt die Vertreterin noch hinzu, werde dauerhaft in der Nähe des Universitätsgeländes stationiert sein; so könne es von den „Fähigkeiten und der Expertise der Universität profitieren“. Die Firma Rafael gab eine ähnliche Begründung ab, als sie 2017 ein solches Zentrum bei der Hebräischen Universität auf dem Berg Hotzvim errichtete. Auf unsere Anfrage um nähere Auskunft über dieses Projekt wurde uns von der Universität mitgeteilt, dass sich die Gesamtausgaben auf über drei Millionen Schekel (etwa 750.000 Euro) belaufen. Zudem wurde noch eine weitere Kooperation mit dem Schin Bet in Höhe von etwa einer halben Millionen Schekel erwähnt. Die Universität gestand selbst ein, dass es sich hierbei um unvollständige Informationen handelt, die sie mit der Erlaubnis der betreffenden Institutionen veröffentlichen dürfe. Man muss allerdings anerkennen, dass die Hebräische Universität immerhin Daten preisgegeben hat – fast alle Universitäten, an die wir uns mit Anfragen wandten, verweigerten unter Vorbringung allerlei Rechtfertigungen jegliche Auskunft. Sie sind sich wohl im Klaren darüber, dass bereits eine Aussage viel Wahres zutage fördern kann. So hat ein angesehener stellvertretender Leiter von Rafaels Abteilung für Forschung und Entwicklung, der auch als Dozent am Technion tätig ist, vor etwas mehr als zehn Jahren gesagt: „Zwischen uns und dem Technion besteht eine symbiotische Beziehung. 70 Prozent der bei Rafael beschäftigten Ingenieure sind Absolventen des Technion. Die Verbindung zwischen uns und den Universitäten ist unabdingbar.“
Beim Militarismus im israelischen Universitätswesen handelt es sich nicht nur um direkte und manifeste Kooperationen mit dem Sicherheitsapparat und der Rüstungsindustrie. Er drückt sich auch in anderen Bereichen des akademischen Lebens aus: Viele akademische Institutionen verlangen von Bewerber*innen, ihnen Informationen über den geleisteten (oder nicht geleisteten) Wehrdienst mitzuteilen. Die Studentenwohnheime bevorteilen Studenten, die in der Armee gedient oder während des akademischen Jahres, in dem sie ihre Bewerbung eingereicht haben, Reservisten waren. Dabei muss beachtet werden, dass die Student*innen auf die wenigen freien Plätze in Studentenwohnheimen angewiesen sind, da sich nur wenige die horrenden Mietpreise, insbesondere in Tel Aviv, leisten können. Alle akademischen Institutionen vergeben gesondert Leistungspunkte zur Erlangung eines akademischen Grades an Reservisten. Viele Stipendien, auch solche, die von den akademischen Institutionen selbst vergeben werden, sind allein für Student*innen vorgesehen, die aktiv oder als Reservisten in der Armee dienen, während die Studienbedingungen, zum Beispiel durch Erleichterungen im Studienverlaufsplan, für diese Gruppe angepasst werden. Ganze Studentenwohnheime werden zuweilen zu Militärbasen für die an Atuda-Programmen teilnehmenden Student*innen umfunktioniert. Mittels der Organisation von Jobbörsen auf den Unigeländen oder der Veranstaltung von Kursen (hier wäre etwa das von Elbit Systems und der Fakultät für Ingenieurwissenschaften der Universität Tel Aviv gemeinsam durchgeführte Programm Innobit zu nennen) helfen akademische Institutionen Rüstungskonzernen, dem Mossad und dem Schin Bet sogar dabei, Student*innen zu rekrutieren. Sie organisieren zusammen mit dem Militär auch sogenannte Sicherheitskonferenzen, an denen hochrangige Funktionäre des Militärs teilnehmen. Zu guter Letzt führt das alles dazu, dass die akademischen Räumlichkeiten und Universitätsgelände voll von bewaffneten und uniformierten Student*innen sind.
Die genannten Gegebenheiten haben einen direkten Einfluss auf das Universitätssystem und den in ihm vorherrschenden Habitus. Der Militarismus an den israelischen Universitäten geht in die Sprechweise mancher Dozenten ein und verändert den Charakter von Seminaren und ganzen akademischen Abteilungen. Dementsprechend führt er zu einer drastischen Verminderung der kritischen Forschung sowie des kritischen Diskurses über Regierungsaktivitäten, die Armee und die Betroffenheit der Zivilbevölkerung. Unliebsame Studenten oder Universitätsmitarbeiter werden vom akademischen Betrieb ausgeschlossen, wobei es sich meistens, aber nicht ausschließlich, um Palästinenser handelt. Zwei Studentinnen, die wir für unseren Bericht interviewt haben, bezeugen dies. Die eine der beiden sagte uns, dass es an der Fakultät für Luftfahrttechnik am Technion, da sie mit Rafael und der Luftfahrtindustrie kooperiert, so gut wie keine palästinensischen Student*innen gibt. Die andere klärte uns darüber auf, dass sie ihr Studium am Institut für Nahost- und Islamstudien der Hebräischen Universität aufgrund des „Sicherheitsdiskurses“ abgebrochen hat. Eine junge palästinensische Studentin, die wir ebenfalls für den Bericht interviewten, erzählte uns von dem Dilemma, mit dem sie zu kämpfen hat: Möchte sie ihre Karriere an einer israelischen Universität fortsetzen, so ist sie gezwungen, ihren politischen Aktivismus aufzugeben. Es lässt sich somit sagen, dass die vielfältigen und engen Verbindungen zwischen der Armee und den Universitäten diese zunehmend zu einem integralen Bestandteil des israelischen Gewaltsystems machen.
Die Entscheidung der israelischen Universitäten, mit der Armee und der Rüstungsindustrie zusammenzuarbeiten, lässt sich auf verschiedene Weise erklären: Erstens, und dies ist wahrscheinlich der entscheidende Grund, wird es eine bewusste, politisch und ideologisch motivierte Entscheidung gewesen sein. Viele Akademiker*innen und Leiter*innen von akademischen Institutionen identifizieren sich mit den militärischen und politischen Zielen des Zionismus. Zweitens lässt sich ein ökonomischer, genauer gesagt ein neoliberaler, Faktor erkennen. Neben den finanziellen Einkünften, die eine Kooperation mit dem Militär den akademischen Institutionen einbringt, muss jedoch auch noch das so gewonnene symbolische Kapitel berücksichtigt werden. Die für die Armee tätigen Institutionen und Unternehmen haben im gesellschaftlichen Bewusstsein einen hohen Stellenwert. Deshalb sind die Universitäten, die stark mit der Armee verwoben sind, für potenzielle Studenten und Mitarbeiter attraktiver.
Die Militarisierung macht auch keinen Halt vor der Studentenschaft. In der Vergangenheit haben die Studentenbewegungen global eine zentrale Rolle im politischen Kampf gegen die hegemoniale Ideologie von Nationalismus und Militarismus gespielt. Schauen wir auf Israel: Fehlanzeige. Wir sehen sogar das komplette Gegenteil: Die nationale Studierendenvereinigung hat wieder und wieder ihre Unterstützung für den unnachgiebigen Kampf, den Israel seit Oktober 2023 kämpft und den man hier „Krieg“ nennt, zum Ausdruck gebracht. Zuletzt streikte sie sogar mit der Forderung, dass auch Ultraorthodoxe rekrutiert werden sollen. Das alles kann kaum überrauschen, sind doch circa 30 Prozent der israelischen Studenten als Reservisten registriert. Für die Militarisierung der Studentenschaft gibt es eine hauptsächliche Ursache: Viele der Student*innen kommen an die Universitäten, nachdem sie Jahre der Indoktrinierung im vorakademischen Bildungssystem durchgemacht haben. Manchmal fangen sie unmittelbar oder kurz nach ihrem Wehrdienst mit dem Studium an. Unser Forschungsbericht zeigt, dass die politischen Ansichten der Student*innen an den Universitäten nicht in Frage gestellt oder herausgefordert werden, da diese ein konstitutiver Bestandteil der militaristischen Gesellschaftsordnung Israels sind.
Nähmaschine und Maschinengewehr
Einige Vorgänge der letzten Jahre illustrieren die hier und in jenem Bericht vorgebrachten Argumente gut: In den ersten Wochen nach dem Angriff vom 7. Oktober 2023 wurden die israelischen Medien mit Artikeln geflutet, die sich mit der Mobilisierung der israelischen Gesellschaft für den anlaufenden Krieg und der Stärkung der nationalen und zivilen Widerstandskraft an der „Heimatfront“ befassten. Neben Berichten über freiwillige Helfer, die die Bauern im israelischen Siedlungsgürtel um Gaza (Gaza Grenzgebiet) bei der Tomatenernte unterstützen oder für die Armee Militärausrüstung aus amerikanischen Frachtflugzeugen entladen, erschienen auch ein paar Berichte über die Beteiligung von akademischen Institutionen und deren Mitarbeiter*innen an den nationalen Kriegsanstrengungen. Aus diesen Berichten geht hervor, dass unter anderen die drei großen Kunsthochschulen Israels – Bezalel, Shenkar und WIZO Haifa (heute Teil der School of Design an der Universität Haifa) – sich in der Produktion von Militärausrüstung für den bevorstehenden Bodeneinsatz in Gaza engagierten, der dann am 27. Oktober 2023 beginnen sollte. Im Frauenmagazin At („Du“) wurde im November 2023 ein Artikel veröffentlicht, der beschreibt, wie die Modeklasse an der Hochschule Shenkar auf Anfrage des Verteidigungsministeriums eine „Notnähwerkstatt“ zur Herstellung von Militärausrüstung „für die im Gelände agierenden Regimenter und Kompanien“ eingerichtet hat. Maja Arazi, die in der Modeklasse unterrichtet, erzählte den Journalist*innen von At, dass die Notnähwerkstatt „im Einklang mit der IDF und ihren Forderungen entsprechend arbeitet“. Mit der Zeit waren „dutzende Dozenten und Studenten an verschiedenen Universitäten dabei spezifische, zu den Schutzwesten der Soldatinnen und Soldaten passende Kleidungsaccessoires anzufertigen“.
Guerilla-Workshops zur Produktion von Militärausrüstung sind kein auf Kunsthochschulen beschränktes Phänomen. An der Ben-Gurion-Universität haben Student*innen und das Kollegium gemeinsam ein Labor eingerichtet, in dem mit Hilfe von 3D-Druckern Ausrüstung produziert wird. Einem Artikel zufolge, der, ebenfalls im November 2023, in der Zeitung Ma’ariv erschienen ist, haben sich mehr als 200 Helfer eingefunden, unter ihnen Studenten und ausgebildete Ingenieure. Diese sollen „bereits während der ersten Kriegstage und abgestimmt auf den aktuellen Bedarf“ über 20,000 Einzelteile hergestellt haben: Knieschützer für Sanitäter, Schutzhüllen für Funkgeräte, Gepäckstücke für Militärfahrzeuge, Pflöcke und anderes mehr. Der Initiator des Projektes sagte, dass die Mitarbeiter*innen der Universität noch weitere Labore zum 3D-Druck von Ausrüstung eröffnet haben. Die ganze Initiative, so heißt es weiter, habe breite Zustimmung seitens der Universität und der Studierendenvereinigung erfahren. Die Ben-Gurion-Universität ist selbstverständlich nicht allein gewesen in ihrer direkten Partizipation an den Kriegsanstrengungen Israels. Im November 2024 hat die Online-Zeitschrift Siha Mekomit einen Artikel publiziert, in dem aufgezeigt wird, dass sich die Universität Tel Aviv damit brüstet, an der Entwicklung von Militärtechnologie beteiligt zu sein.
Die offenkundige, nun seit zwei Jahren zu beobachtende Anpassung der israelischen Universitäten an die militaristische Kultur des Landes hört bei Nähmaschinen und Druckern jedoch noch nicht auf. Ende 2023 berichtete Ma’ariv, dass das allgemeine nationale Gremium zur Planung und Finanzierung der Universitäten, der Rat für Hochschulbildung und die landesweite Studierendenvereinigung gemeinsam über einen Plan zur Unterstützung der Studenten in Höhe von einer halben Milliarde Schekel entschieden haben. Dieser Plan sehe 12,000 Stipendien für Reservist*innen vor. Kurz zuvor wurde in der Online-Zeitschrift Kalkalist darauf hingewiesen, dass nicht nur viele Universitäten selbst bereits solche Stipendien vergeben, sondern dass sie deren Höhe sogar gemäß „des individuellen Beitrags zu den gesellschaftlichen und militärischen Anstrengungen des Landes“ berechnen. In Tel Aviv gab man der Hoffnung auf eine signifikante Erhöhung der Förderung Ausdruck, „insbesondere für jene Studenten, die direkt in die Kriegshandlungen involviert sind oder den Krieg unterstützen“.
Alles scheint auf die ungebrochene Fortsetzung des Schulterschlusses zwischen den Universitäten und dem Militarismus hinzuweisen. Wie oben dargestellt, besteht dieser unter anderem in der Forschung sowie der Rekrutierung und Ausbildung von Student*innen für den Wehrdienst oder die Arbeit in der Rüstungsindustrie. Die grundlegende Policy der akademischen Institutionen hat sich während der letzten zwei Jahre aus vier Komponenten zusammengesetzt: Anpassung an die Linie des Staates, Gleichgültigkeit, Repression anderer Ansichten und eine bestimmte Opferhaltung. Die ersten beiden Komponenten zeigen sich, was noch der beste der möglichen Fälle ist, in dem allgemeinen Stillschweigen der akademischen Leitungsebene bezüglich der militärischen Vorgehensweise des Staates. Nicht ein einziger Vorsitzender irgendeiner akademischen Institution in Israel hat auch nur die allerkleinste Kritik angesichts der kompletten Verwüstung des Gazastreifens geäußert. Dabei bedeutet diese auch die Zerstörung des palästinensischen Universitätswesens. Man könnte meinen, dass es sich hier doch um Kollegen handelt. Im Juli 2025 veröffentlichten die Präsidenten von fünf Institutionen der höheren Bildung – der Hebräischen Universität, der Universität Tel Aviv, der Open University of Israel, dem Technion und dem Weizmann-Institut für Wissenschaften – einen Brief, den sie zuvor an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gesandt hatten. In diesem Brief forderten sie eine Lösung „der schrecklichen Hungersnot in Gaza“ und kritisierten die intentionale Zerstörung, die auf einen Genozid ausgerichtete Rhetorik sowie den damals diskutierten Plan zur Errichtung einer „humanitären Stadt“. Sie betonten jedoch, dass „die Befreiung der Geiseln und der Schutz unserer Soldaten die höchsten Ziele“ darstellen. Die Präsidenten der Universität Ariel, der Ben-Gurion-Universität, der Bar-Ilan-Universität und der Universität Haifa haben es abgelehnt, den Brief zu unterzeichnen. Die Repression zeigt sich in den Anhörungen, Suspendierungen und Ausschlüssen von Student*innen und Lehrenden, die der Abweichung vom militärischen Ethos und vom nationalen Konsens der zu vollstreckenden Rache verdächtigt werden. Hier wäre zum Beispiel der Fall von Prof. Nadera Shalhoub-Kevorkian zu nennen, die von ihrer Stelle an der Hebräischen Universität suspendiert wurde, weil sie in einem Interview gesagt hat, dass Israel in Gaza einen Genozid begehe. Man denke auch an den vom Rechtszentrum Adalah im November 2023 vorgelegten Bericht. In diesem heißt es, dass das Zentrum über 120 Hilfegesuche von palästinensischen Student*innen erhalten hat. Hierbei handele es sich um 36 akademische Einrichtungen, die gegen diese Student*innen Disziplinarverfahren eingeleitet haben. Die vierte Komponente, die Opferhaltung, ist vor allem an den Reaktionen auf den zunehmenden Boykott israelischer Universitäten erkenntlich. Aus einem Mangel an Willen oder der schieren Unfähigkeit erkennt man die Verantwortung der Universitäten und deren Rolle im israelischen Militärapparat nicht an und verweist stattdessen auf „den Antisemitismus“.
In diesem Zusammenhang muss ein kurzer Blick auf die Frage des Boykotts geworfen werden. Die BDS-Kampagne ist eines der wenigen gewaltlosen Mittel, über das man im Arsenal der globalen Protestbewegung gegen den Völkermord, die Besatzung und die Entrechtung des palästinensischen Volkes verfügt. Bereits einige Monate nach Russlands Invasion der Ukraine forderten dutzende Organe und Organisationen weltweit, dass die Zusammenarbeit mit russischen Universitäten und Hochschulen zwischenzeitig eingestellt oder gänzlich abgebrochen werde. Nun, heute wissen wir, dass ein Boykott keinen wirklichen Eindruck bei der Regierung Russlands hinterlassen kann. Aber Israel ist ein kleiner Staat mit äußerst begrenzten Ressourcen, weshalb es von einem Boykott, Sanktionen und dem Entzug von Investitionen viel härter getroffen werden würde. Das wissenschaftliche Establishment Israels hat bei den nicht lange zurückliegenden Protesten gegen die Justizreform bereits bewiesen, dass es über die notwendigen Mittel verfügt, um sich der Regierungspolitik und bestimmten gesellschaftlichen Tendenzen zu widersetzen; und wenn der Widerstand auch nicht immer ein aktiver war, so hat man doch zumindest die eigene Position vertreten. Dessen Schweigen angesichts des Völkermords in Gaza und, mehr noch, dessen fortgesetzte Kooperation mit dem politischen und militärischen Establishment haben es zu einem legitimen Ziel des Boykotts gemacht. Das wissenschaftliche Establishment Israels hat seine Isolation selbst zu verantworten. Was bedeutet letzten Endes schon ein Boykott, wenn man es mit der Vernichtung eines Volkes zu tun hat?
Spiegelbild
Bis zum 7. Oktober 2023 gab es zwölf akademische Einrichtungen im Gazastreifen. In einem Zwischenbericht hat das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten erläutert, dass ausnahmslos alle dieser Einrichtungen während der letzten zwei Jahre zum Ziel israelischer Angriffe wurden. Die israelische Armee hat fast 60 Universitäts- und Hochschulgebäude zerstört, tausende Student*innen und Akademiker*innen wurden getötet und der Zugang zu höherer Bildung ist gänzlich unmöglich geworden. Am 17. Januar 2024 wurde von der Zerstörung der letzten Universität Gazas berichtet.
Zu dem Verlust von Menschenleben kommt der Verlust von wertvollen und einmaligen Materialien und Dokumenten sowie die Zerstörung der Zukunft von tausenden palästinensischen Student*innen, Forscher*innen und Dozent*innen hinzu. Für viele Menschen in Gaza, so wie in der Welt allgemein, ist der Zugang zu einer Universität mit der Möglichkeit internationaler Mobilität verbunden. Das Studium und die Arbeit an einer Universität können einem die für den temporären Aufenthalt im Ausland oder die dauerhafte Migration nötigen bürokratischen und ökonomischen Mittel verschaffen. Die jahrelange Blockade Israels hat diese Möglichkeit für die Menschen in Gaza, die die Gegend aus eigener Kraft verlassen könnten und wollten, auf ein Minimum reduziert. Jetzt, nachdem Israel über zwei Jahre nichts als Zerstörung über den Gazastreifen gebracht hat, bleibt diesen Menschen kaum noch eine Chance, dem Leben in Mangel und Todesangst zu entkommen. Denn ohne Heimatuniversität ist es so gut wie unmöglich, einen Platz an einer ausländischen Universität zu erhalten.
Seit Jahren weigert sich das israelische Militär, Verantwortung für die große Zahl der in seinen Operationen getöteten Zivilisten zu übernehmen. Diese große Zahl, so wird argumentiert, ist das Resultat dessen, dass die Kämpfer der Hamas sich im Herzen der Bevölkerung verschanzen. Armeesprecher*innen benutzen dieselbe Masche, um Angriffe auf Gazas akademische Institutionen zu rechtfertigen. Diese seien legitime Ziele, da sie der Ausbildung von Soldaten für den militärischen Arm der Hamas sowie der Entwicklung von Waffen dienen. Auch wenn diese Behauptung richtig ist, so entspringt sie dennoch einer doppelten und verdrehten Moral. Stellt euch nur einmal vor, eine andere Armee würde tausende Bomben auf die Hebräische Universität und das Technion abwerfen und dies damit rechtfertigen, dass diese Institutionen mit dem israelischen Militär kooperieren. Der Glaube des israelischen Mittelstands an die eigene moralische Überlegenheit erlaubt einen derartigen Analogieschluss jedoch nicht, viel weniger noch die Verinnerlichung seiner Implikationen.
Der Weg zur freien Wissenschaft
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern.“ Karl Marx, Thesen über Feuerbach (1845)
Am 21. April 1933 wurde der Philosoph Martin Heidegger zum Rektor der Universität Freiburg ernannt. Einen Tag vorher wurde Wilhelm von Möllendorff dieses Amtes enthoben, weil er sich geweigert hat, jüdische Universitätsangehörige zu entlassen, „nicht-arische“ Bücher aus der Bibliothek zu entfernen und antisemitische Propaganda auf dem Campus zu verbreiten. Dies war nur ein Detail in der Umstrukturierung des deutschen Universitäts- und Hochschulwesens während der Zeit des Nationalsozialismus. Im Rahmen dieser Umstrukturierung war es allen Universitäten und Hochschulen des Reichs untersagt, Juden und Regimegegner zu beschäftigen. Für jüdische Studenten*innen wurde der Zugang zu akademischen Institutionen zuerst begrenzt, bis er ihnen dann komplett untersagt wurde. Dass der deutsche Bildungssektor den rassistischen und brachialen Vorschriften des Naziregimes Folge leistete, hat zu deren Normalisierung beigetragen und einen tiefsitzenden Schandfleck auf seinem Erbe hinterlassen.
Wenngleich dies nicht geschichtsübergreifend zutrifft, so identifiziert sich die Universität doch zumindest in ihrer modernen Gestalt als institutioneller Bestandteil der Zivilgesellschaft: Sie ist der Bereich, in dem Wissen produziert und entwickelt wird, auch über Formen der Kultur und Vergesellschaftung. Als solcher schafft sie Chancengleichheit und bereitet Raum für freie Forschung und die kritische Auseinandersetzung mit den Meinungen anderer. Zugleich hat sie allerdings auch mit der Spannung zwischen dem Universalen und dem Partikularen zu tun, die von dem Gegensatz von allgemein-menschlicher und nationaler Handlungsorientierung mitbedingt wird. Denn während sie an der internationalen Wissens- und Forschungsgemeinschaft partizipiert, bleibt sie ökonomisch und politisch doch immer auch von einem bestimmten Nationalstaat und seiner Gesellschaft abhängig.
Im Januar 2023 habe ich mit der Sammlung von Daten und Informationen für den hier diskutierten Bericht begonnen. Wenn ich anderen von diesem Projekt erzählte, so wurde ich ab und an gefragt, ob das meine Master- oder Doktorarbeit sei. Nicht ohne ein gewisses Vergnügen dabei zu empfinden, entgegnete ich: Ganz im Gegenteil: Das ist eine anti-akademische Arbeit. Indes lasse ich natürlich nicht die Standards wissenschaftlicher Methodologie fahren oder stelle die Legitimität akademischer Institutionen, ob in Israel oder anderswo, gänzlich in Frage. Diese Forschung ist anti-akademisch, indem sie die prinzipiellen Mängel in der Organisationsform des israelischen Universitätswesens aufzeigt. Sie ist aber auch der Vorschlag einer anderen Perspektive, die zur Introspektion, dem Überdenken alter Entscheidungsmechanismen und Strukturen und letztlich deren Wandel führen könnte.
Man muss die fortschreitende Militarisierung der Hochschulen und Universitäten als ein Element in der umfassenden Militarisierung der israelischen Gesellschaft begreifen. In ihrer Identitätsbildung und ihren Zukunftsvisionen sind die Menschen von diesem Prozess tief geprägt. Im Gegensatz zu Jugendlichen in anderen Ländern, steht die Zukunft junger Israelis vor allem im Zeichen des Wehrdienstes: Sie fragen sich zuallererst nicht, welchen Beruf sie lernen oder wohin sie reisen wollen, sondern welche Funktion sie im Militär ausfüllen werden (die meisten Jungs wollen einer Kampftruppe angehören). Stellen sie sich ihre Zukunft vor, so erscheint das Bild eines Soldaten, nicht das eines Bürgers. Die Armee wird die meisten, die den Wehrdienst absolvieren, jahrzehntelang begleiten, sei es, dass sie späterhin als Reservisten dienen oder Eltern (oder auf irgendeine andere Weise Angehörige) von Soldaten werden. Die Militarisierung hat auch Einfluss auf das alltägliche Leben und den öffentlichen Raum, zum Beispiel in Form der unsäglich vielen Werbeplakate, die Soldat*innen abbilden oder sich anderweitig auf den Wehrdienst beziehen. Allerdings sind Familien- und Geschlechterverhältnisse, Freundschaften sowie Liebschaften nicht weniger von ihr betroffen, denn letztlich ist die Armee notwendigerweise ein patriarchales und homophobes System. Daran ändert auch der verzweifelte Versuch nichts, die Armee als „pink“ und progressiv darzustellen. (Für eine analytisch detaillierte Beschreibung des israelischen Militarismus, siehe den Artikel „Militarisierung, Wehrflicht und Supermachtpolitik in Israel: Ein Überblick“ von Rela Mazali sowie das Faktenblatt von Yossi Bartal.)
In der letzten Vorlesungsreihe, die er vor seinem Tod gab, sprach der Blogger, Philosoph und Kulturkritiker Mark Fisher über den tiefgehenden Zusammenhang von Sehnsucht und Kapitalismus. Fisher bediente sich des Begriffs der postkapitalistischen Sehnsucht, um den gedanklichen und emotionalen Rahmen eines effektiven Kampfs gegen den Kapitalismus zu beschreiben. Diese Sehnsucht müsse von den Formen der Sehnsucht abweichen, die letzterer hervorbringt. In Anlehnung an Fisher ließe sich sagen, dass sich an den Hochschulen und Universitäten eine postmilitaristische Sehnsucht entfalten muss.
Man kann und muss sich eine andere Hochschulbildung (und Gesellschaft) vorstellen. Die Hochschulen und Universitäten müssen wirklich frei sein, frei von der nationalistischen Demagogie und frei von den Einflüssen der Armee und den Anforderungen des Nationalstaates. Sie müssen der Gesellschaft dienen, nicht der Regierung. Eine wirklich kritische Perspektive auf die vorherrschende Denkweise kann sich an den Hochschulen und Universitäten nur entwickeln, wenn deren Ressourcen und Prestige genutzt werden, um eine menschliche Gesellschaft zu befördern, die weit über die Grenzen einer partikularen Gruppe hinausreicht.
Der von uns veröffentlichte Bericht ist in seiner Darstellung und Analyse des zu untersuchenden Gegenstands umfassend, jedoch nicht vollständig. Schließlich ist Geheimhaltung, was unsere Liste nicht beantworteter Anfragen auf Informationsfreigabe bezeugt, ein deutliches Charakteristikum des Militarismus (und des Faschismus). Das Verheimlichte bedarf einer eigenen Untersuchung. Dieser Artikel ist somit auch ein Aufruf zum Protest gegen die akademischen Strukturen sowie zur kritischen Erforschung der wirtschaftlichen, ideologischen und personalen Verbindungen zwischen dem militärischen und dem akademischen Establishment. Er ist auch ein Aufruf an die akademische Community, sich zu organisieren und gegen die bestehende Ordnung aktiv vorzugehen. An die akademischen Institutionen muss die klare Forderung gehen, jegliche wissenschaftliche und geschäftliche Kooperation mit dem Militär und Rüstungskonzernen einzustellen sowie die Mitnahme von Waffen auf den Campus zu verbieten. Stattdessen haben sie eine deutliche Alternative zur nationalistischen und militaristischen Ideologie zu schaffen. Das heißt aber, dass wir Rekrutierungsevents von Armee, Shin Bet, Mossad und Rüstungsindustrie sowie sogenannte Sicherheitskonferenzen an Universitäten stören müssen. Wir müssen uns bei den bereits bestehenden politischen Organisationen engagieren, etwa bei der Akademischen Vereinigung für Gleichberechtigung (Akademja le-schiwjon). Und selbstverständlich müssen wir so weit als möglich den Wehrdienst verweigern, verweigern und abermals verweigern.
Aus dem Hebräischen übersetzt von Christoph Hopp
[1] Der Begriff Atuda (“Akademische Reserve”) bezeichnet Programme des israelischen Militärs, die es Abiturient*innen ermöglichen, ihren Wehrdienst aufzuschieben, um vorab ein für die Armee nützliches Studium abzuschließen. Hierbei handelt es sich oft um technische, ingenieurwissenschaftliche oder forschungsorientierte Studien. Nach dem drei- bis vierjährigen Studium sind die Absolvent*innen verpflichtet, einen sechsjährigen Wehrdienst in beruflichen Positionen zu leisten.